In Dürrenmatts „Die Physiker“ die paradoxe Unmittelbarkeit des schauspielerischen Ausdrucks erleben

Die Kriminalkomödie „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt um drei angeblich verrückte Physiker in einem Irrenhaus und einer tatsächlich wahnsinnigen Chefärztin ist „ein Klassiker“ im Oberstufenunterricht. Der „Wandertag“ der Jahrgangsstufe EF führte im letzten Jahr zum Kölner Horizont Theater – Rückblick auf eine Reise in die Welt Friedrich Dürrenmatts und einen wahrlich packenden Theatertag. In der Jahrgangsstufe EF ist im Fach Deutsch die Lektüre eines Wissenschaftsdramas vorgeschrieben. In diesem Jahr hat sich die Fachschaft Deutsch auf „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt geeinigt. Und so kam die Idee auf, die Kriminalkomödie nicht nur zu lesen, sondern auch gespielt zu erleben.

Auch Dank der freundlichen Unterstützung des Fördervereins des Gymnasiums Goch konnte die gesamte Jahrgangsstufe EF nach Köln fahren. Da die gut 140 Schüler und Lehrer nicht alle auf einmal im Theater, welches nur knapp 100 Sitzplätze und dadurch eine sehr private, fast schon heimelige Atmosphäre bietet, Platz nehmen konnten, wurde die Gruppe zweigeteilt. Je eine Gruppe schaute sich das Theaterstück an, die andere konnte die freie Zeit in Köln nutzen, sei es für weitere Kultur oder einfach zum Einkaufen. Das Horizont Theater ist nahe der Kölner Innenstadt gelegen und befindet sich in privater Trägerschaft. Von außen macht es zwar nicht den Eindruck, den man vielleicht von einem Theater erwartet, denn der Eingang ist kaum als Portal eines Theaters zu erkennen, mit dem Überschreiten der Türschwelle aber begann der Eintritt in eine fremde Welt. Der folgende Erfahrungsbericht versucht die Eindrücke dieses unvergesslichen Nachmittages in Worte zu fassen …

Der Weg führt uns, symbolisch Dürrenmatts Stück entsprechend, nach unten, in den Abgrund, einen Kellerraum. Keine erhöhte Bühne ist erkennbar, nur ein freier Platz von der Größe eines eher kleinen Wohnzimmers in der Mitte des Raumes. Erhöhte Sitzreihen sind u-förmig um die Schauspielfläche angeordnet; Decken, Wände und Stühle größtenteils schwarz, monochrom, nur die gemauerte, überstrichene Rückwand der Bühne glänzt in einem kalten, menschenfeindlichen und sterilen weiß – passend für ein Irrenhaus. Der Boden wie ein Schachbrett. Das Tausch- und Verwirrspiel zwischen Publikum und Figuren, normalen Schülerinnen und Schülern unseres Gymnasiums und den verrückten Insassen einer vermeintlichen Irrenanstalt beginnt.Der Zuschauerraum wandelt sich beim zweiten Hinsehen gleichermaßen zum Sanatorium. Spätestens das über Lautsprecher eingespielte dröhnende Wahnsignal signalisiert die erschreckende Steuerung von außen, dem die Insassen, letztlich „bestimmbar wie Automaten“, folgen müssen. Das Signal schneidet uns unweigerlich von den Alltagsgedanken ab und isoliert jeden von uns in der Welt der Anstalt – Oder sind wir bereits im Verlies einer Wahnsinnigen Chefärztin gefangen? Spartanisch reduziert die Requisiten: Ein weißer Tisch an der Rückwand und drei schwarze Rollhocker erzeugen die klinische Leere eines Versuchslabors.In dieser Atmosphäre wären langweilige Schauspieler, die ihre Texte nur wie schlechte Diagnosen sprechen, sprichwörtlich tödlich. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Alle Schauspieler, vor allem die, die die drei Physiker geben, füllen Dürrenmatts Figuren aus, machen sie plastisch, gedanklich berührbar und für das junge Publikum hoch aktuell. Witzige und frische, situativ-komische Bemerkungen nach längeren, komplizierten Textpassagen erhalten die Zugkraft im Spannungs- und Aufmerksamkeitsbogen. Besonders beeindruckend hinsichtlich der schauspielerischen Leistung sind die breite stimmliche Varianz, die geschickte und scharfe Kontrolliertheit aller Bewegungen sowie die Intensität des mimischen Ausdrucks (in den Rollen: Gabriele van Boxen, Maren Pfeiffer, Christine Wolff, Thomas Bleidiek, Andreas Strigl, Sunga Weineck). Die räumliche Abstand zwischen Publikum und Schauspielern ist so gering, dass nicht nur die erste Reihe sich schon fast über Tuchfühlung zu den Schauspielern freuen kann und so eine besondere, packende Nähe erzeugt wird…

Fazit des Grenzgängers: Dass mehrere Figuren von einer Person gespielt werden, ist teils etwas befremdlich,aber die schauspielerische Leistung passt sehr genau zu den Charakteren, auch wenn die Physiker mit einem äußerst prägnanten Lachen manchmal etwas überzeichnet werden. Die grotesken und absurden Leitgedanken der Komödie, wie z.B. „Physiker, aber unschuldig“ und „Gefangen, aber frei“, kommen absolut überzeugend zur Geltung und werden schauspielerisch und szenisch packend auf der Bühne umgesetzt. Eine wirklich aufregende Inszenierung des thematisch komplexen Stückes von Friedrich Dürrenmatt. Dieser Ausflug wurde für alle beteiligten Schülerinnen und Schüler sowie für die Lehrer ein gelungener Tag und eine ideale Ergänzung zum Deutschunterricht.

Gilbert Wehmen und Marc Janßen

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